Wir informieren umfassend über das Thema
RÜCKENSCHMERZ
chronischer
Rückenschmerz
Teil 1
Nach epidemiologischen Schätzungen (= auf Umfragen basierenden
Schätzungen) leidet ca. 85 % der Bevölkerung
westlicher Industriestaaten mind. einmal in ihrem Leben an einem Rückenschmerz,
auch als Dorsalgie
bezeichnet.
In ca. 10 % wird der Rückenschmerz chronisch (= über mehr als 6
Monate anhaltend). 5 % werden zu schmerztherapeutischen
Problemfällen und bedürfen einer intensiven
Schmerztherapie. Diese 5 % der Pat. verursachen 50 % der Gesamtkosten! Für diese
kleine aber äußerst kostenträchtige Gruppe gibt es derzeit in Deutschland
wenig angemessene Behandlungsmöglichkeiten.
Eine große Bedeutung spielt ein chronischer Rückenschmerz in den Statistiken der Kranken- und Rentenversicherungen: Bei Männern ist der Rückenschmerz mit 14 % die häufigste Ursache für Krankheitsausfälle, bei Frauen mit 11% die zweithäufigste.
Die Wir
belsäule
als statisches Achsenorgan ist in dieser Funktion großen Belastungen
ausgesetzt, entsprechend häufig treten Verschleißerscheinungen auf, die über die
physiologische Degeneration (= normale
Abnützung) hinausgehen und deshalb
oft Beschwerden verursachen. Es ist jedoch stets zu bedenken, daß auch
höhergradige Verschleißprozesse nicht unbedingt mit einem Rückenschmerz einhergehen
müssen, auch gibt es keine statistische Korrelation zwischen dem Ausmaß der
abnutzungsbedingten Veränderungen und der geklagten Schmerzintensität.
Das
Vorhandensein abnutzungsbedingter Veränderungen, die theoretisch die geklagten
Beschwerden verursachen können, darf deshalb nicht dazu verleiten, eine
weitergehende Diagnostik (= Maßnahmen
zur Erkennung eines Krankheitsgeschehens)
zu unterlassen.
Systematik
(= Einteilung, Gliederung) der Ursachen
für einen Rückenschmerz
|
1. Chronischer Rückenschmerz: |
|
Degenerative Veränderungen (= durch Abnutzung hervorgerufen) |
|
- Bandscheibenschäden (Bandscheibenvorwölbung, Bandscheibenvorfall) |
|
- ligamentäre Insuffizienz (= Funktionsstörung von Haltebändern) |
|
- Störung der gelenkigen Wirbelverbindungen |
|
- knöcherne Veränderungen (Randzacken, Knochenwulste usw.) |
|
Missbildungen |
|
- angeborene (z.B. Spina bifida, Blockwirbel, Keilwirbel) |
|
- Wachstumsstörung (z.B. Skoliose, Morbus Scheuermann) |
|
Entzündliche Erkrankungen |
|
- Rheuma tischer Formenkreis (z.B. Polymyalgia, Morbus Bechterew) |
|
- Infektionserkrankungen (Spondylitis z.B. durch Tbc, |
|
Staphylokokken, M. Bang) |
|
Generalisierte Skeletterkrankungen |
|
- (z.B. Osteoporose, Osteomalazie) |
|
Tumoren der Wir belsäule |
|
- Primärtumoren (hauptsächlich Plasmozytom) |
|
Traumen (= Verletzungen) (Frakturen, Schleudertrauma (= Beschleunigungstrauma) der HWS) |
|
Defekte, nicht verletzungsbedingte (z.B. Spondylolyse |
|
und Spondylolisthesis) |
|
2. Neurologische Erkrankungen: |
|
(z.B. Polyradikulitis, Rückenmarkstumoren, |
|
Syringomyelie, Tabes dorsalis |
| Halswirbelsäule: sog. viszerale Übertragungsschmerzen bei |
| Erkrankung innerer Organe: Leber, Gallenblase, Ma gen, |
| Milz, Dickdarm, Herz u. Affektionen des Schultergelenk es |
| Brustwirbelsäule: Schmerz projektion bei Erkrankung der |
| Speiseröhre, der Pleura, und bei Aortenaneurysma |
| Lendenwirbelsäule: Schmerzprojektion bei gynäkologischen |
| und urologischen Erkrankungen |
|
4. Myofasziales Syndrom (z.B. Fibromyalgie) |
|
(= Muskeln und deren Gewebsumhüllung sowie Sehnen betreffende Störungen) |
Schmerzen treten hauptsächlich in den drei größeren Wirbelsäulenabschnitten auf: Hals, Brust - und Lenden wir belsäule.
Das
Halswirbelsäulensyndrom (HWS-Syndrom) oder auch
Zervikalsyndrom
genannt, ist ein Sammelbegriff für einen von der
Halswirbelsäule
ausgehender oder den
Halswirbelsäule
nbereich
betreffender Rückenschmerz. Die mit Abstand häufigste Ursache sind
Störungen im Bereich der gelenkigen
Wirbelverbindungen, die sog. "Wirbelblockierungen".
In der Regel klagen die
Patienten über einen Rückenschmerz bzw.
Nackenschmerz, der in die
Schulter n, manchmal bis in die
Arme
und/oder auch in den
Hinterkopf (z.T.
bis zur Stirn)
ausstrahlen kann. Meist
ist die Mus kulatur
neben der
Wirbelsäule verhärtet, häufig verbunden mit einer
schmerzhaft eingeschränkten Kopfbeweglichkeit. Vielfach besteht auch
Klopfschmerzhaftigkeit über den Dornfortsätzen der Halswir belsäule.
Zum
Ausschluß eines die
Nervenwurzel
n betreffendes Kankheitsgeschehens
(radikuläres Syndrom), bedarf es immer einer fachlichen Abklärung (Neurologie,
Radiologie).
Heftigste Schmerzzustände mit
Muskel
hartspann und dadurch
erzwungener Fehlhaltung (Schiefhaltung) werden als „akuter
Tortikollis“
(=
Schiefhals) bezeichnet.
In Abhängigkeit von der Höhe der Störung unterteilt man das HW S-Synd rom in:
Oberes
HWS-Syndrom: Die typischen
Krankheitszeichen sind in der Literatur unterschiedlich dargestellt (Kügelgen
et Hillemacher 1989, Kocher et al. 1980, Dahmen
et al. 1985). Gemeinsames Merkmal ist ein
Rückenschmerz bzw.
Nackenschmerz mit
Schmerzausstrahlung nach oben in den
Kopf, da sich die
Störungen überwiegend auf die
Ner
venwurzel des 2. Halswirbels
konzentrieren.
Die
Schmerzeinstrahlung in den
Hinterkopf, teilweise auch bis zur
St
irnregion
ziehend, führt häufig zur Diagnose eines zervikogenen oder vertebrag
enen
(= wirbelsäulenbedingten)
Kopfschmerz
es.
Inwieweit die HW
S-spezifische "Unkovertebralarthrose"
(= Erkrankung des „Halbgelenks“ zwischen zwei
Wirbelkörpern)
über eine Einengung
der Wirbelsäulenschlagader (A. vertebralis) im Foramen intervertebrale
(= Zwischenwirbelloch)
ein zervikozephales
(=
Hal
s und
Kopf betreffendes)
Krankheitsbild verursachen kann, ist noch nicht endgültig geklärt.
Mittleres HW S-Syndrom: Der typische Rückenschmerz bzw. Nackenschmerz tritt im Bereich der Halswirbel 3, 4, 5 auf und strahlt in die Schulterblätter, auch bis über die Schulter aus. Beim radikulären Syndrom (= Krankheitszeichen infolge einer Nervenstörung, Nervenschädigung) treten Störungen der Nervenfunktion in Form von herabgesetzter Empfindung und/oder Lähmungen von Schulterblattmuskeln (z.B. M. levator scapulae) auf. Ganz selten kommt es auch zu Zwerchfellähmung (Thoden 1987). Beim radikulären Syndrom der Nervenwurzel des 5. Halswirbels ist der M. biceps brachii betroffen.
Unteres HWS-Syndrom: Da die Ner
venwurzeln
des 6. bis 8. Halswirbels und des 1.
Brust
wirbels betroffen sind, können
Beschwerden bis in den Klein
finger ausstrahlen. Meist wird dieser Schmerzzustand
mit „Zervikobrachialgie"
(Schulter-Arm-Syndrom) bezeichnet, obwohl streng genommen
das
Zervikobrachialsyndrom mit einer radikulären Symptomatik
(= Krankheitszeichen infolge einer
Nervenstörung, -schädigung)
einhergeht (Debrunner 1988).
Die
pseudoradikuläre
(= auf eine scheinbare
Nervenschädigung zurückzuführende)
Ausstrahlung in die
Arme fällt noch unter den Begriff "Zervikal-Syndrom".
Bei Störung der
Nervenwurzel
des 1.
Brust
wirbels kann sich ein Horner-Syndrom
(= Augenlidsenkung, Verengung der
Pupille, Zurücksinken des Augapfels)
ausbilden (Thoden 1987).
Das
Brustwirbelsäule
n- (BWS-) Syndrom ist ein Sammelbegriff für einen
Rückenschmerz, der von der
Brustwirbelsäule ausgeht oder den
Brust
wir belsäulenbereich
betrifft.
Von den Abschnitten der Wir belsäule ist die
BW S hinsichtlich
chronischer Schmerzen prozentual am wenigsten betroffen. Statisch-dynamische
Faktoren spielen hier eine untergeordnete Rolle, es dominieren reflektorische
(= von einem anderen erkrankten Organ ausgehende, reflexartige)
Störungen, hauptsächlich im myofaszialen
(=
Muskeln und deren Gewebsumhüllung
betreffenden)
System. Nicht selten sind auch
Interkostalnerven
(= Zwischen
rippen
ner
ven)
im Sinne einer
pseudoradikulären Symptomatik
(= Krankheitszeichen, die von einer scheinbar
gestörten
Nervenwurzel
ausgehen) beteiligt. Eine radikuläre Symptomatik
(= Krankheitszeichen, die von einer tatsächlich
gestörten
Nervenwurzel
ausgehen) kann leicht übersehen werden, da z.B. bei motorischen
(= die Muskelfunktion betreffenden)
Ausfällen kaum eine körperliche Beeinträchtigung eintritt, es sei denn, es sind
mehrere
Interkostalnerven
(=
Zwischen
rippen
nerven)
betroffen, was dann zu einer Störung der Lungenfunktion führen kann.
Der
Schmerzcharakter im Bereich der
Brustwirbelsäule wird von den Patienten meist
mit dumpf und drückend angegeben. In der Regel ist die
Muskulatur
neben der Wir belsäule
verhärtet und druckschmerzhaft. Oft besteht auch Klopfschmerzhaftigkeit über den
Dornfortsätzen der Wirbelkörper.
Relativ häufig tritt ein Rückenschmerz
im Rahmen von Wachstumsstörungen auf (z.B.
Morbus Scheuermenann,
Skoliose), begünstigt durch die damit verbundene
Fehlhaltung.
Das
BWS-Syndrom kann auch Folge von zusammengebrochenen Wirbeln
aufgrund einer
Osteoporose sein.
Nicht selten stellt sich ein BW S-Synd rom
auch nach einem unfallbedingten Wirbelbruch ein.
Viszera
le (= die
Eingeweide betreffende)
Übertragungsschmerzen (Referred
Pain) sind stets in die
differentialdiagnostischen Erwägungen
(= Überlegungen, welche Krankheiten noch in Frage kommen können)
mit einzubeziehen. Störungen bzw. Krankheiten von Herz und Bauchspeicheldrüse
führen oft zu Beschwerden zwischen den Schulterblättern. Auch Erkrankungen der
Speiseröhre, Pleura
(= Brustfell)
und Fehlbildungen der Brustaorta
(=
Brust
schlagader)
können zu Beschwerden in der
BW
S
-Region führen.
Das
Lendenwirbelsäulensyndrom (LWS-Syndrom) ist ein Sammelbegriff für einen Rückenschmerz bzw.
Kreuzschmerz, der aufgrund degenerativer
(= abnutzungsbedingter)
Wirbelsäulenveränderungen oder statisch-muskulär bedingter Störungen von der
Lendenwirbelsäule ausgehen oder den
Lenden
wir
belsäulenbereich betrifft.
Die
Lendenwirbelsäule ist großen statisch-dynamischen Belastungen ausgesetzt,
weshalb hauptsächlich dieser Wirbelsäulenabschnitt von einem Rückenschmerz betroffen ist.
Als Schmerzursache stehen wie bei der Halswir
belsäule übermäßige
degenerative
(=
abnutzungsbedingte) Veränderungen
im Vordergrund, wobei der
Bandscheibe
eine Schlüsselrolle zufällt. Der Wassergehalt des Gallertkernes der
Bandscheibe nimmt im Laufe
der Zeit ab und damit die Elastizität, wodurch die Beweglichkeit beeinträchtigt
wird. Der Faserring verliert allmählich seine Haltefunktion, wird rissig und
teilweise für die Gallertmasse durchlässig. Bereits in dieser Phase ist eine
Bandscheibenvorwölbung bis
hin zu einem
Bandscheibenprolaps
möglich. Das Bewegungssegment wird durch diese
Bandscheibenveränderungen nunmehr
instabil, wodurch die Funktionsbewegungen beeinträchtigt werden. Die Wirbelkörper
können sich dann gegeneinander verschieben, worunter die kleinen
Wir belgelenke besonders leiden und schließlich mit arthrotischen
(= krankhaften)
Veränderungen reagieren (Spondylarthrosen). Mit zunehmender
Bandscheibendegeneration
(=
Bandscheibenabnutzung) nähern sich
die Wirbelkörper einander und reagieren mit Randzackenbildung (Spondylose) und
Sklerosierung
(= krankhafte Verhärtung)
der Deckplatten (Osteochondrose). Allmählich kommt es zu einer Versteifung, die
an sich einem Rückenschmerz entgegen wirkt ("wohltuende
Versteifung im Alter").
Jede Phase dieser fortschreitenden Degeneration kann im
Bewegungssegment einen Rückenschmerz verursachen, die auch mit
pseudoradikuläre
r
oder gar
radikuläre
r Symptomatik
(= Krankheitszeichen die auf eine scheinbare oder
tatsächliche
Nervenwurzelschädigung zurückzuführen sind)
einhergehen können. Verschleißprozesse, die über die normale,
altersentsprechende Abnutzung hinausgehen, können auch zu einer Verengung des
Spinalkanals führen und in den betroffenen Segmenten einen Rückenschmerz
hervorrufen, bei entsprechendem Ausmaß treten weitere Beschwerden hinzu ((pseudorad ikuläre,
rad ikuläre Ausstrahlungen in die
Beine,
Claudicatio spinalis
(= Funktionsbeeinträchtigung der
Beine aufgrund einer
Durchblutungsstörung im
Rücken
mark)).
Die kleinen Wir belgelenke, die wegen ihrer dachziegelartigen Anordnung auch
Facettengelenke genannt werden, können auch isoliert, also unabhängig vom
Einfluß der
Bandscheibendegeneration arthrotische Veränderungen erfahren und
dann ebenfalls schmerzhafte Blockierungen des Bewegungssegmentes hervorrufen
(ein sog.
Facetten-Syndrom).
Auch im Bereich der Foramina intervertebralia
(= Zwischenwirbellöcher)
können isolierte Störungen auftreten, die die zugehörigen Ner venwurzeln
irritieren oder gar schädigen und dann zu einem Rückenschmerz führen. Ein
Bandscheibenvorfall erfolgt meist dorsolateral
(= seitlich und nach hinten)
und kann schon bei geringem Ausmaß das Bewegungssegment blockieren. In der
dorsolateralen Region kann aber auch die
Nervenwurzel direkt tangiert bzw.
eingeklemmt werden und ausstrahlende Krankheitszeichen bewirken.
90% aller
Bandscheibenvorwölbungen oder gar
Bandscheibenvorfälle finden in den Etagen L4/L5 und L5/S1 statt (Sehhati-Chafei
1988). Diese bevorzugte Lokalisation führt dazu,
daß häufig die Diagnose "Lumboischialgie" gestellt wird, da die oberen
Anteile des Pl
exus ischiad icus
(=
Nerven
geflecht aus dem der
Ischias
nerv entstammt)
bzw. Pl exus sacral
is
(= Nervengeflecht im Bereich des
Kreuzbein
s) den
Nervenwurzel n L4 und L5 entstammen.
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Aktualisiert: k u 21.01.2006
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